wetter

Ich ging das Wetter suchen. Das lag nicht daran, dass es nicht da war, sondern vielmehr, dass ich es ignoriert oder um es noch präziser auszudrücken, übersehen hatte. Also lief ich nun und suchte das Wetter. Aber ich fand es nicht, was daran lag, dass ich es einfach übersah. Es war nicht im Kleiderschrank, nicht im Bücherregal, nicht unter meiner Bettdecke und auch nicht im Blumentopf. Ich fand es nicht. Also suchte ich gründlicher. Unter den T-Shirts, auf dem Balkon, in meiner Schultasche, ich sah es einfach nicht. Das passiert wenn man blind durch die Welt rennt. Ich wollte doch eigentlich mich nur erkundigen wie es ihm ginge, dem Wetter. Aber da ich es übersah, ging das nicht. Also fragte ich, nicht das Wetter, ich fand es ja nicht. „Gut.“ So lautete die Antwort. Da war ich froh. Sehr froh irgendwie. Und genauso begann alles. Im Prinzip aber alles ganz anders. Aber dennoch, irgendwie lag es am Wetter. Plötzlich wollte ich das Wetter nicht mehr finden, ich wusste ja ihm ging es gut. Plötzlich wollte ich mich finden, oder besser gesagt das Gefühl. Obwohl ich es nicht suchen musste, sondern vielmehr den Namen, der war mir entfallen. Aber ich fand ihn nicht. Dabei übersah ich ihn nur, vielleicht weil ich es wollte, wie beim Wetter. Also saß ich dort und versuchte zu übersehen. Man muss nämlich wissen, dass wenn man etwas übersieht und dies aus vollster Absicht, was ich nicht wusste, dann ist es sehr schwer es nicht doch plötzlich zu sehen. Und so saß ich und sah andere Dinge. Dinge die ich noch weniger sehen wollte. Also schloss ich die Augen, denn ohne Augen sieht man nicht. Doch wer sehen will sollte die Augen schließen. Ich öffnete sie lieber schnell. Ich hatte das Wort fast gefunden. Es hatte nach Erdbeeren und Rosen gerochen und nach Himbeerbrause geschmeckt. Waldmeister war mir lieber. Aber plötzlich hatte ich Durst. Auf Himbeere. Ich ermahnte mich. Nicht jetzt. Und ich sah. Braun und schwarz und gold und drehte mich um. Doch es ging nicht weg. Ich fürchtete mich. Mit jeder Minute mehr. Es war fremd. Ich sehnte mich, nach Brause, nach Erdbeeren und Rosen, aber ich fürchtete mich. Also blieb ich sitzen. Ich begann wieder nach dem Wetter zu suchen, nur um was anderes zu tun. Aber wiederum fand ich es nicht. Nicht in der Stiftdose, nicht hinter dem Computer, nicht unter den Zetteln. Ich fand es nicht und gab auf. Das Wetter ist ein guter Versteckspieler.
Die Vögel sangen. Ich beobachtete meine Schreibtischlampe die sich in meiner Balkontür spiegelte und sich deutlich von dem dunklen Hintergrund des Abends hervortat. Es war ein ruhiger Abend. Vor nicht allzu langer Zeit hatte es noch geregnet. Dennoch war ich trocken nach Hause gekommen. Glück konnte man das nennen. Oder man konnte es sein lassen und glücklich sein. Das war ich. Der Himmel färbte sich zunehmend dunkler.
„Hast du das Wetter gefunden?“ Wie denn? Ich konnte es nicht mehr sehen. Es war so dunkel. Und plötzlich war es hell. Und alles glänzte. „Ich sehe nicht.“ Und log. Aber nur ein bisschen. Und nur weil ich die Wahrheit übersah. Wie das Wetter. Aber es war wirklich dunkel. Und so saß ich und wartete. Und versteckte mich. Vor diesem Funkeln. Und dem Glanz. „Du.“ Ich schwieg. Besser so. Es war so hell. Mitten in der Nacht. Ich hatte wieder Angst. Das zweite Mal. Irgendwie machte mir das Angst. Es war ja auch schon dunkel. Und ich war klein. Zu klein. Und ich mochte keine Himbeerbrause. Oder vielleicht doch? Ein Stern fiel herunter. Ich staunte. „Du?“ Ich ließ mich verzaubern. „Vielleicht finden wir das Wetter ja gemeinsam.“ Und ich versank. In Sternenstaub und Erdbeerduft und Brausegeschmack. Ich nickte stumm. Und fing an zu sehen. Gemeinsam. Das gefällt mir.

30.11.09 22:48

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