"... und du weißt, dass der anfang vorbei ist"

Ich habe dich belogen, mitten ins Gesicht, es war ganz leicht. Ich habe einfach den Mund aufgemacht und geredet und du hast zugehört und genickt und wir wussten beide welche Rolle wir zu spielen haben. Da war keine große Dramatik und wenig Leidenschaft.

Und dann habe ich mich umgedreht, nachdem ich dir ein letztes Mal in die Augen gesehen habe, habe dich umarmt und bin gegangen. Mit großen Schritten, die wie lange Linien dynamisch das unterstreichen sollten, was ich dir kurz zuvor gesagt hatte.

Und als ich so von dir wegging, wollte ich mich nicht umdrehen, um dir zu zeigen, mit einem Rücken, gerade wie ein Ausrufezeichen und einem Blick energisch nach vorne gerichtet, dass dies die Richtung ist, in die meine Worte führen.

Und als ich federnden Fußes die drei Treppen genommen habe, die mich weg führen von all meinen Worten, die mich weg führen in neue Welten, die mich weg führen von dir, da habe ich im Augenwinkel, verwischt im Grau der Bahnhofshalle, dich stehen sehen, wie ein Häufchen Elend. Du hast mir nicht geglaubt.

Und als ich endlich wieder atmen konnte, weit weg von dir, während die Regentropfen, wie Tränen, an dem Fenster des Zugabteils mit meinen Tränen um die Wette liefen, erst da wurde mir bewusst: Ich habe mich selbst belogen, es war ganz leicht.

Ich musste nur am frühen Morgen aufstehen, einen letzten Blick auf dich werfen, wie du noch schlafend neben mir lagst, musste mich ein letztes mal heimlich aus dem Zimmer stehlen, um dich ein letztes Mal nicht zu wecken. Ich musste ein letztes und das erste Mal selber Brötchen holen um noch unter den von letzter Nacht gewärmten Decken mit dir zu frühstücken. Ich musste ein letztes Mal Zähne putzen, neben dir in dem zu engen Bad, ein letztes Mal die Tür hinter mir ins Schloss fallen lassen, ein letztes Mal die vier Stockwerke heruntereilen, weil ich zum letzten Mal (das habe ich mir versprochen) zu knapp aus dem Haus gegangen bin um die U-Bahn zu erwischen. Ein letztes Mal konnte ich dir die Schuld dafür geben, dass ich immer zu spät komme, ein letztes Mal haben wir dann doch noch die Bahn bekommen, wie so viele Male davor und ich hab mich ein letztes Mal hingesetzt, auch wenn es nur für eine Station war und du standest ein letztes Mal vor mir und dann hast du mich ein letztes Mal zum Gleis gebracht, wie schon unzählige Male, an Weihnachten und im Sommer. Und du hast mir ein letztes Mal die Tasche in die Hand gedrückt, die du ein letztes Mal für mich tragen musstest und du hast mich ein letztes Mal in den Arm genommen und mich geküsst.

Und ein letztes Mal musste ich dir in die Augen sehen und einfach sagen "Nichts wird sich ändern."

Und dann habe ich mich umgedreht, nachdem ich dir ein letztes Mal in die Augen gesehen habe, habe dich umarmt und bin gegangen.

24.1.14 20:18

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